Der Mythos Kiberas

Kibera ist ein 2,5 Quadratkilometer umfassender Slum im Südwesten von Nairobi, der Hauptstadt von Kenia. Weltweite Berühmtheit hat Kibera als größter Slum Kenias, wenn nicht gar ganz Afrikas, erlangt. Im Laufe der Jahre überboten sich die „Experten“ und Berichterstatter mit „sensationellen“ und immer dramatischeren Zahlen. Bis zu 1 Million, einzelnen Berichten zufolge sogar 2 Millionen, Einwohner sollten in diesem Slum leben.
Nur zum Vergleich: Mukuru Kwa Njenga, ein Slum in West Nairobi, umfasst etwas über 130.000, Indiens Pharavi etwa 1 Million und Brasiliens Rocinha Favela eine Viertel Million Menschen. Kibera wurde als Gipfel der Slums auserkoren, um die Armut ganz Kenias zu repräsentieren.

Je größer die Zahlen, desto besser

Die westlichen Medien haben nicht einmal den Versuch unternommen die Zahlen zu überprüfen, geschweige denn zu korrigieren. Von BBC bis hin zu ABC haben alle von der großen Lüge berichtet ohne sie als Lüge zu erkennen. National Geographic arbeitete mit Zahlen von einer halben bis zu einer Million.

Nicht einmal alle in Slums lebenden Kenianer zusammen sollten an Kibera herankommen. Denn der Zensus ermittelte hierfür eine Zahl von 618.916. Und auch wenn das kein Grund wäre die angeblichen Fakten zu hinterfragen, allein die Fläche Kiberas ist einfach zu klein um ein oder sogar zwei Millionen Menschen aufzunehmen, vor allem in Hinblick darauf, dass die umliegenden Grenzen kein weiteres Wachstum zulassen. Umliegende befestigte Wohnsiedlungen und auch ein riesiger Golfplatz grenzen den Slum ein. Heute geht man davon aus, dass nicht einmal 200.000 Menschen in Kibera leben.

Skepsis – oder: die ungehörten Worte

Nicht alle folgten blind den Zahlen. Bereits Jahre zuvor hat der italienische Soziologe Professor Stefano Marras bei der Vermessung der neun Siedlungen Kiberas (Map Kiberas Project) eine Fläche von etwa 2,3 bis 2,5 Quadratkilometer ermittelt, so dass nur 220.000 bis 250.000 Menschen rein physisch in diesem Gebiet leben können, was den tatsächlichen Zahlen erstaunlich nahe kam.

Doch fanden Skeptiker kaum Gehör, denn schließlich bedeuten diese 1 Million Menschen, die unter dem Existenzminimum leben, eine öffentliche Aufmerksamkeit, die viele Millionen US-Dollar jährlich einspielten. Im Grunde wurde aus der dramatisierten Armut ein ganzer Industriezweig entwickelt und aufgebaut, der die heutige Lebensweise und Gesellschaftsstruktur prägt.

Die Prominenz folgt dem prominenten Ort

Und die Rechnung ging auf: Prominente aus aller Welt besuchten immer wieder den vermeintlich größten Slum Afrikas. Natürlich lenkte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ebenso die globale Aufmerksamkeit auf den Slum, wie Mrs. Hilary Clinton, der britische Prime Minister Gordon Brown oder der ehemalige US-Senator und heutige US-Präsident Barak Obama. Medienwirksame Inszenierungen, die letztlich immer im Sinne des Spendenaufrufs genutzt wurden. Katstrophen, Armut und Leid müssen heute nun einmal immer gesteigert, überboten und noch sensationeller inszeniert werden. Wer interessiert sich heute noch für die alltägliche Armut in Afrika? An diese haben wir uns schon längst gewöhnt. Afrika ist nicht mehr, als ein Synonym für Hunger und Armut. Somit stellt sich im Grunde nicht mehr die Frage, wer für die gefälschten Zahlen verantwortlich ist – was auch heute nicht mehr nachvollziehbar wäre.

Armut als Geldquelle

Für die Landbesitzer ist Kibera eine wahre Goldmine. Laut eines UN-Berichtes zahlen 90% der Einwohner Kiberas etwa 4,5 Millionen an die Besitzer Kiberas. So entstand ein einziges großes Paradoxon: Die ärmsten in Slums lebenden Menschen, werden zur Goldmine der Reichen. Vielleicht wie so oft, aber selten in diesem extremen Ausmaß.

Und wer kann es den Slumbewohnern verübeln, dass sie versuchen mit ihrer Situation ein Geschäft zu machen und auf diese Art und Weise Gelder zu erwirtschaften? Eben mit dem westlichen Interesse für überdimensionale oder sensationelle menschliche Schicksale. Denn das ist das, was uns Konsumenten interessiert, entsprechend richten sich die mediale Aufmerksamkeit und die Berichterstattung aus. Die Frage ist also vielmehr, welchen Anteil wir an der Entwicklung und damit an der weiter bestehenden Armut von Kibera haben. Denn von der Armut leben heißt gleichzeitig die Chance zu verpassen sich aus der Armut heraus zu entwickeln. Letzteres müsste aber bedeuten den lukrativen Status des größten Slums Afrikas aufgeben zu müssen, mit der Konsequenz, dass dann keine westliche Nation mehr über Kibera berichten würde und der Slumtourismus zusammen mit der Aufmerksamkeit und den Einnahmen ein Ende gefunden hätte. Und wer hätte daran ein Interesse?